elisabeth hauner

kunst

Warum alte Sorten so lebendig sind
28. März 2022

Bücher waren als Kind und Jugendliche für mich die ganze Welt. Ich habe mir diese Zeit in Romanen erlesen. Ich selbst habe wenig erlebt. Ich habe in der Pubertät nicht aufbegehrt und meine Eltern und damit Streit herausgefordert, sondern ich habe Geschichten über Erwachsene gelesen. Ich wollte nie Kind sein, sondern ERWACHSEN. Dann würde ich all das können – ich müsste nur einfach 18 Jahre alt werden. Dann würde mir die Welt mit all seinen Möglichkeiten offen stehen. Dann würde mir keiner sagen, was ich zu tun hätte und ich bräuchte nicht mehr dauernd darauf zu achten ob mein Verhalten Konsequenzen für meine Mutter hätte.

Das ist ja mal total schief gegangen. Ich habe auch mit der Volljährigkeit keine wilden Partys gefeiert, keine Nächte durchgemacht, bin nicht spontan mit dem Auto für zwei Nächte an den Gardasee (oder sonst wo hin) gefahren. Nichts. Meine Revolution bestand darin aus der Kirche auszutreten und zu Hause nicht darüber zu reden. In Sachen Leben bin ich lange eine Theoretikerin geblieben. Die Praxis war mir immer zu gefährlich – es hätte echt was passieren können. Ich habe mit 18 meine zweite Ausbildung angefangen, bin während der Ausbildung von zu Hause aus- und mit einem Kollegen und einem seiner Freunde in eine WG eingezogen. Dann wurde ich bei Etienne Aigner übernommen, habe fleissig und gern gearbeitet und bin da auch voran gekommen. Privat war ich nicht sonderlich “erfolgreich”. Ich hatte eine 14 jährige Beziehung, an der das Beste für mich das Ende war.  Genau das waren die Jahre in denen der Großteil der Menschen heiraten und eine Familie gründen. Zumindest in dieser Generation. Ich habe es ganz bewusst vermieden, weil ich dachte, dass ich das nicht aushalten kann. Dass ich tatsächlich das wirkliche Leben nicht aushalten kann. Dass ich es gar nicht wollte. Das war mein Schutz. Ich wollte ja gar nicht! Und mit dem Mann schon gar nicht. Ich fühlte mich verraten von Menschen, beispielsweise Kolleg*Innen, aber auch Freunde, die gegangen sind um ihr Ding zu machen. Etwas wofür sie brannten, das ihnen Freude gemacht hat, oder einfach etwas Neues. Ich wußte gar nicht, dass ich neidisch war. Das hätte ich auch weit von mir gewiesen. Dieses Gefühl war genau so verpönt in unserer Familie, wie Wut.

Meine Güte, was für ein Korsett! Und was für ein Glück, dass ich diese Gefühle jetzt endlich wahrnehmen “darf”! Ich darf neidisch sein, wenn Wolfgang sich um seine Jungs kümmert und sie in Themen, die ihnen (oder für sie) wichtig sind, unterstützt. Das hätte ich auch gern gehabt! Ich darf wütend sein, wenn ein neuer, junger Kollege sich wenig wertschätzend über unsere Art zu arbeiten äußert. Was bildet der sich ein! Ich muß keines der “unangenehmen” Gefühle unterdrücken. Ich kann darüber sprechen oder auch mal ganz direkt “adressieren”. Auch Traurigkeit oder das Gefühl der Sinnlosigkeit im Zusammenhang mit der aktuellen Situation in der Ukraine, aber auch in der ganzen Welt.

Und manchmal könnte ich einfach verzweifeln. Alles braucht seinen Platz. Und Aufmerksamkeit. Das Leben ist Veränderung – man kann nichts festhalten. Ich gehöre eher zu den Bewahrern – das gibt mir vermeintlich Sicherheit. Aber Angst ist kein guter Berater. Genau sowenig wie Schuld. Das Buch “Alte Sorten” von Ewald Arenz hat mich mit seiner einerseits sehr klaren Sprache der jungen Protagonistin und den, andererseits unverarbeiteten Themen der zweiten Figur im Buch gefesselt und berührt. Und mich wieder ein mal daran erinnert, dass Wut eine gute Kraft sein kann. Mal leise und mal laut. Und das auch kleine Veränderungen Kraft haben. Auch in späteren Jahren. Das nennt man Leben!

 

Ich wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche!  

 

Diesmal die Zeitschnipsel aus der Wochenzeitung “Zeit” vom 10. bis zum 16. und 17. bis 23. März 2022

Mike + The Mechanics: The living years

 

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